Januar bis März 2006

Dienstag 3.1. 2006

Mit dem Neuen Jahr kam auch die Lust zum Projekt. Ich freute mich richtig drauf.
Um den anderen meine Vorstellungen näher zu bringen, muss ich alle Häuser mit fiktiven Fresken versehen.
Und so machte ich mir heute wieder einen Ausflug in die Hüttenstraße. Es öffnete sich etwas in mir, mein inneres Auge fing an die Bilder auf die Wände zu projizieren und ich spürte, wie ich eine innere Schwelle übertrat. Ich verlor die Angst vor dem Projekt. Das was mich bremste, wirkte jetzt wie ein Motor, der mich heute zum laufen brachte.....

Die Bilder von Aachen habe ich zu Hause vergrößert auf einen Karton aufgezogen und die leeren Flächen der Häuser gefüllt, bearbeitet, beklebt. Mit Leuten, mit Köpfen mit dem Leben, ohne einen einzigen Menschen gekannt zu haben.
Die nächsten Tage verbrachte ich überwiegend beim Kollagieren der fiktiven Wände und auch sonst dachte ich nur an die Kontinuität der Bilder, an den Pfad, den sie darstellen sollten.

Josef Tisch

Irgendwann die Tage fiel Schnee und ich fuhr sofort in die Hüttenstraße, um die Häuser zu fotografieren.
In der stillen Ohnmacht beobachtete ich die Veränderung der Straße.
Schnee, die Lyrik des Alltags.

Donnerstag 12.1.2006

Frau Dormann sagte mir, dass ich die Tage die Namen der Eigentümer abholen könne.....
Nachmittags nach Aachen zum Stadtteilbüro.


neues foto

Anstatt die Namen der Eigentümer zu bekommen, teilten mir Frau Dormann und Frau Petersen mit, dass der Datenschutz die Herausgabe nicht erlaubt. Sauer verließ ich das Stadtteilbüro, setzte mich in das dubiöse Cafe nebenan und überlegte, was ich machen soll. Dann ging ich raus und guckte mir nochmals die ausgesuchten Häuser an. Die Klingel, die Namen drauf, die Fenster, das Leben dahinter, ich sprach mit den Mietern.

Ein großer Parkplatz vor Norma stand leer. Es gelang mir heute, das Gebäude so zu fotografieren, wie ich es mir wünschte.

NORMA

Mittwoch 18.1. 2006


Mitteilung über die Halbvergabe des Projektes

Mittwoch 25.1. 2006


Um 11 Uhr in Düsseldorf. In Rogers Büro haben wir alle bisherigen Collagen gescannt, montiert und die Präsentation überlegt. Eine Art Heft, Broschüre ist herausgekommen.


Roger bdax

Freitag 27.1.2006

Frau Dormann rief an.
Wenn ich bis 12 Uhr komme, kann ich mir ein Papier abholen, eine Mitteilung für die Bewohner mit offiziellem Briefkopf des Stadtteilbüros.

Nachher forschte ich weiter nach den Eigentümern. Es ging schnell, das Papier half mir nicht viel dabei. Bald hatte ich fast alles beisammen. Ich saß bei meiner tschechischen Freundin Maria und ihrem Mann im Funkladen. Sie gaben mir Tipps, besorgten Telefonnummer und erzählten kurze, kleine Geschichten. Wir tranken Kaffee, im Hintergrund lief Fernseher und ich fühlte mich gut aufgehoben.

maria und mann

Mittwoch 1.2. 2006

Den ganzen Nachmittag im Internet nach Murale Fotografie gesucht. Nichts gefunden. Es stimmte mich euphorisch.

Donnerstag 2.2. 2006

Mit den restlichen Collagen und dem fertigen Text nach Düsseldorf zu Roger. Wir scannten alles und druckten das erste Heft.

Roger neuer computer

Montag 6.2.2006

In Aachen. Wir studierten den Putz der Häuser, die Materialität der Fassaden. Auch Frau Dormann unerwartet im Stadtteilbüro besucht. Es kam ein gutes Gespräch zustande, mit vielen Informationen, die uns behilflich werden.

Dormann Roger


Mittwoch 22.2. 2006

Um 10 Uhr waren wir mit Herrn Berger in Eschweiler bei Aachen verabredet. Es war unser erster Termin und ich kam zu spät, weil auf der Autobahn Stau war. Herr Berger verwaltet das Haus in der Hüttenstraße 111-115.
Er hörte sich alles an, fand es sehr interessant, sagte aber auch, dass gerade dieses Haus einer Gemeinschaft von ca. 30 Eigentümern gehöre. Dann klärte er uns darüber auf, dass wir für unser Vorhaben die Zustimmung von jedem Eigentümer brauchen. „... und viele leben im Ausland...“ fügte er hinzu.
Dann hielt er uns einen Vortrag über das europäische Hausverwaltungsrecht, redete über Energiepässe und ließ uns in den Alltag eines Verwalters einblicken.
Für den ersten Termin war es nicht schlecht. Wir hatten zwar keinen Erfolg, es war gewissermaßen sogar aussichtslos, dieses Haus egal wofür zu gewinnen, aber sein Wissen und seine Eloquenz hat uns darauf vorbereitet, mit wem wir zu tun haben werden.......

Josef Berger Roger

Zwei Stunden später ein Termin bei dem Ehepaar Rotheut. Eigentümer des Hauses Hüttenstraße 46.
An diesem Haus, mit einem Kassettenputz, ließe sich wunderbar eine Geschichte erzählen. Es wäre für uns wichtig, weil es eine Art Tor in die Straße darstellt.
Frau Rotheut hat uns in Empfang genommen, setzte uns in das Wohnzimmer und bot uns etwas zu trinken an. Sprechen wollte sie ohne ihren Mann nicht.
Mathias Rotheut, ein vorsichtiger und vornehm zurückhaltender Herr, erzählte viel über die Geschichte seines Hauses und der Straße. Seine Familie ist mit Rothe Erde seit Generationen verbunden. Es war mir klar, dass ihn nur kristallklare Argumente überzeugen können. Es darf ihn nichts kosten und auf keiner Weise belästigen.
Er hat uns das Gefühl vermittelt, dass unser Vorhaben für die Eigentümer eigentlich interessant ist.

familie Rotheut

Nach den ersten zwei Terminen hatten wir zwar keine Zusage, aber auch keine direkte Absage. Eine Gemeinschaft von 30 Eigentümern ist zwar nicht zu überzeugen, aber der Einzelne vielleicht schon. Nur ein Gespenst begleitete uns ständig auf unserem Weg.
Die vom MBV (Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen) vorgeschriebene Frist von 20 Jahre für bauliche Projekte war einfach für niemanden zu akzeptieren........

Mittwoch 1.3.2006

Nachmittags ein Termin bei Frau Langecker (jetzt Frau König> 2007) im GEWOGE Gebäude in Aachen. Frau Langecker war für uns zwar nicht zuständig, aber kompetent. Sie ist Sozialarbeiterin und betreut die riesige Mieterschaft der 4–5 Häuser im Fringsgraben, am Anfang der Hüttenstraße.

gewoge langecker

Diese 5 Häuser bilden in unseren Vorstellungen, zusammen mit dem Haus Nr. 153, das andere Tor in die Hüttenstraße.
Die riesige, sich dynamisch über alle 5 Häuser erstreckte Collage hat den Anspruch, alle zurzeit da wohnende Mieter darzustellen. Das schilderte ich auch der Frau Langecker. Sie war an sich mit dem Projekt einverstanden und verwies uns weiter an den zuständigen Herrn. Roger erklärte Herrn Weniger die technische Seite des Projektes. Auch er wäre einverstanden, aber die 20jährige Frist war auch für ihn nicht zu verdauen.......

Donnerstag 2.3. 2006

Herr Salentyn ist der Hausverwalter von Hüttenstraße 41. Ein gelbes und gepflegtes Haus, eine der Säulen unseres Tores in die Straße. Das Haus hat nur einen Besitzer, aber an den kommen wir nur über Herrn Salentyn und seine Verwaltung heran.
Herr Salentyn hörte sich alles an, stellte ein paar Fragen, und sagte einen Satz, der es an sich hatte: „Wenn das, was draufkommt, besser aussieht als das, wie es ist, dann hat es einen Sinn, es lässt sich darüber reden...“ und verwies uns in Zukunft an Frau Fleischhauer, seine Mitarbeiterin.

salentin

Als ich die Frau Fleischhauer paar Tage später anrief und auch erreichte, wurde ich mit einer hysterischen Stimme konfrontiert, die jedes Vorhaben von Anfang an blockierte, auch dies des Erklärens.
Ob zum Abschrecken werde ich nie erfahren. Später verfasste ich einen direkten Brief an den Eigentümer des Hauses. Den Brief musste ich an die Hausverwaltung schicken, denn Frau Fleischhauer drohte mir mit Konsequenzen, falls ich mich direkt an den Eigentümer wende.
Um welche Konsequenzen es sich handeln würde, erfuhr ich nie. Eine Antwort auf meinen Brief bekam ich allerdings nie.

Gegen Abend ein Termin bei den Familien Wilden/Ollechs. Ihnen gehört die Mauer, die sich an dem kleinen Park gegenüber dem Stadtteilbüro erstreckt. Hinter dem Haus (Nr. 69) ein Bolzplatz, etwas weiter ein Kindergarten.
Wir wurden von der ganzen Familienversammlung empfangen, samt Kindern. In einer angenehmen Atmosphäre trugen wir unser Vorhaben vor und verteilten die Hefte. Das Echo war positiv. Beide Herren sind Malermeister und bestens mit der Materie Putz, Mauer & Wände vertraut. Herr Ollech gab sich als Künstler aus (...wir sind sozusagen Kollegen...)
Zum Schluss versorgte uns Herr Wilden mit den Telefonnummern und Kontaktpersonen zu den beiden großen Firmen (Philips und Continental) in und an der Hüttenstraße.
Die Bedingung der 20 Jahre, wenn auch schon angesprochen, fiel irgendwo unter den Tisch. Und ich war froh darüber.

Wilden Olesch

Donnerstag 9.3.06

Hüttenstrasse 80, bei Stefan & Kerstin Meinzenbach. Den Termin hatte mir meine tschechische Freundin eingefädelt, sonst hätten wir es wahrscheinlich nicht bekommen. Die Tür ging auf, und wir kamen in einen Strudel von Kindern und Tiere rein. Ein schmächtiger Herr und eine stattliche Frau begrüßten uns und wir wurden zum Tisch gelotst. Wir blieben sehr lange und egal, ob wir über das Projekt oder den Karneval sprachen, schaute ich fasziniert Frau Kerstin an. Breites, lautes Lachen, Kettenrauchen. Das satte Blau machte sie optisch noch umfangreicher, eine Augenweide, die man im Bild umsetzen muss, dachte ich. Zum Schluss kramten die Meinzenbachs ihre Karnevalsorden hervor. Sie füllten damit den ganzen Tisch. Das war’s dann auch. Draußen war schon dunkel, die Hüttenstraße war uns ein Stück näher, fast heimisch torkelten wir zu unseren Autos und fuhren nach Hause.

mainzenbach

Auch die Meinzenbachs, genau wie die anderen, sagten mehr oder weniger Ja zu dem Projekt. Und dieses positive Echo trug uns von Besuch zu Besuch. Fast alle konnten sich ein Bild an ihrem Haus
vorstellen. Wir haben rein vorstellungsmäßig eine Initiative gestartet, die tatsächlich etwas in diesem Viertel bewirken könnte. Bisher bewegten wir uns in eine Art rechtlosem Raum. Wir boten Fantasie an, und sie wurde dankbar angenommen.
Dann waren noch die zwanzig Jahre da, aber in dem Enthusiasmus der Bilder und der Vorstellungen fielen sie fast immer unter den Tisch. Und keine wagte sie hervorzuholen. Vielleicht war es gut so, sonst wäre kein Platz für die Fantasie übrig geblieben. So einnehmend ist halt diese Zeitraum für die Kunst, die noch nicht entstanden ist......

Montag 13.3.2006

Heute brach ich zwei Stunden früher nach Aachen auf. Ich musste mir ein paar Objekte in der Hüttenstraße anschauen, und überreichte Dr. Sendzik (Haus Nr.153) zwischen Tür und Angel unser Heft. Ich beging die Straße nochmals und immer wieder, ich versuchte mich in sie zu verlieben, aber sie blieb mir gleichgültig.

Nachmittags bei Familie Schwanen (Haus Nr. 109). Das Haus gehört der Mutter und der Tochter, dazu kam noch Herr Simon, der Mann der Tochter. Fast schon routinenmäßig spülen wir unser Anliegen runter, ergänzen uns, machen Witze. Die Schwanen-Simons, wie alle Eigentümer, sind selbstbewusst, vorsichtig und wollen kein Risiko eingehen.
Nach und nach blättern sie das Heft durch. Nach einer Weile hauchen sie uns leise, langsam und vorsichtig „...eigentlich könnten wir uns das vorstellen...“ zu.

schwanen simon

Kaum verließen wir die Schwanen-Simons, klingelte mein Handy. Es war Herr Doud. Er hat sich vor kurzem das kleine Haus in der Hüttenstraße 143 gekauft, und bat uns zu einem Gespräch.
Ein junger Mann, der einzige Ausländer unter den privaten Eigentümern. Ich entschuldigte mich, dass wir keine Mappe dabei haben, aber ich versprach ihm, gleich morgen eine zuzuschicken. Er hörte sich alles interessiert an, erzählte ein bisschen über sich und seine Wünsche. Auf das Motiv angesprochen, was auf sein Haus kommen könnte, sagte er, dass er sich eine Blume wünsche, „...ich will, dass mein Haus schön aussieht...“ ergänzte er.

Doud

Irgendwie schöpften wir aus den vergangenen Begegnungen Selbstbewusstsein. Wir wissen zwar nicht, wie unsere Murale Fotografie aussehen wird, können daher viele Fragen nicht beantworten, aber wir tun es trotzdem. Wir bieten unbekümmert unsere Fantasie an, und die Leute sagen einfach Ja dazu. Ich bin davon überzeugt, dass diese modernen Fresken machbar sind, nun sie existieren bisher nur in meinem Kopf.

Donnerstag 16.3.2006

Die erste Sitzung mit Frau Inés Bollwerk vom Rechtsamt Aachen. Eine junge und trockene Frau. Sie nahm unsere Vorstellungen auseinander, prüfte uns auf die Nieren und brachte uns auf den Boden der Rechtstatsachen.
Sie ging mit uns alle Katastrophenszenarien durch und ließ auch das Erdbeben und Sintflut nicht aus. In zweiundhalb Stunden machte sie uns kompatibel für die nächsten Begegnungen mit den verschiedenen Kommissionen der Stadt Aachen. Dafür kann man ihr nur danken.
Es war uns lange nicht klar, aber eigentlich war es ihre Aufgabe. Aktenvermerk |
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Ines Bollwerk

Donnerstag 23.3.2006

Heute traf sich erneut das Kunstgremium im Stadtteilbüro zusammen, um zu entscheiden, ob unser Projekt machbar ist. Ich war in Berlin und das ganze Projekt habe ich für paar Tage vergessen. Irgendwann rief mich Roger an und sagte, dass wir ein Schritt weiter sind......

Freitag 31.3.2006

Ein Auftritt vor der Lenkungsgruppe in Aachen. 16 Leute saßen im Kreis, um über verschiedene Projekte zu entscheiden. Wir waren eingeladen, um die Murale Fotografie nochmals vorzustellen.
Zuerst sprach ich, war sehr nervös, stotterte und war am Anfang unverständlich. Dann sprach Roger, er war besser. Nachher kamen die Fragen, die wir offensichtlich zufrieden stellend beantwortet haben, denn als es vorbei war, wurden wir mit Applaus verabschiedet.

Ein Gefühl der Befriedigung stellte sich ein.
Nachher saßen wir in feierlicher Laune in irgendwelchem Café in der Umgebung und dachten tatsächlich an Sieg. Ein kleiner Sieg war es bestimmt, aber wir haben die Rechnung ohne die Eigentümer und ohne das Gespenst der Zwanzig Jahre gemacht.
Ein Etappensieg war es trotzdem........



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